Das Bauchgefühl als Anlageberater – warum Intuition hier systematisch versagt
Es gibt ein gut dokumentiertes Phänomen in der Verhaltensökonomie: Menschen sind keine rationalen Akteure. Das ist keine Beleidigung – es ist eine Beobachtung, die durch Jahrzehnte empirischer Forschung gestützt wird. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben in ihren Arbeiten gezeigt, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleichwertige Gewinne. Ein Verlust von hundert Euro schmerzt psychologisch mehr als ein Gewinn von hundert Euro Freude bereitet.
Was bedeutet das für die Risikostreuung? Wer Verluste überproportional fürchtet, neigt dazu, in vertrauten Bereichen zu bleiben. Man kauft Aktien von Unternehmen, die man kennt. Man meidet Anlagen, die einem fremd klingen. Das Ergebnis ist oft das Gegenteil echter Streuung: ein konzentriertes Portfolio aus Bekanntem.
Ein weiteres Muster ist die sogenannte Repräsentativitätsheuristik. Wenn ein Markt in den letzten Jahren gut gelaufen ist, erwarten viele, dass er das weiterhin tut. Wenn er schlecht gelaufen ist, erwarten sie das Schlechteste. Beides ist eine Projektion der Vergangenheit auf die Zukunft – eine Projektion, die in der Finanzforschung als unzuverlässig gilt.
Das Bauchgefühl ist nicht wertlos. Es hilft uns in vielen Lebenssituationen schnell und effizient zu entscheiden. Aber es wurde nicht entwickelt, um mit abstrakten Wahrscheinlichkeiten, langen Zeiträumen und komplexen Wechselwirkungen zwischen Märkten umzugehen. In diesen Situationen braucht es Strukturen – und Wissen.